Leichtigkeit
Die Luftballons und die Quelle
Es begann mit einem Kribbeln in den Fingerspitzen.
Hannah stand an einem Morgen am Fenster ihrer kleinen Wohnung und wusste nicht, warum sie plötzlich lächelte. Draußen war nichts Besonderes: ein grauer Himmel, ein paar Spatzen, eine Straße, die gerade erwachte. Aber in ihr regte sich etwas Leichtes, Fröhliches, wie Sprudel in einem Glas.
Dann sah sie den ersten Luftballon. Er war rot und schwebte am Fenster vorbei, ganz langsam, als hätte er alle Zeit der Welt. Ihm folgte ein gelber, ein blauer, ein grüner, ein orangefarbener, und plötzlich war der ganze Himmel voll davon. Hunderte bunte Luftballons zogen durch die Luft, tanzten umeinander, stiegen und sanken, und aus allen Richtungen kam Bewegung auf Hannah zu, leicht und freudvoll, wie ein warmer Wind.
Sie lachte, laut und überrascht. Und die Energie hüllte sie ein, sanft wie eine Umarmung.
Folge uns, schien sie zu sagen. Wir bringen dich zurück.
Hannah musste nicht überlegen. Sie öffnete die Tür, trat hinaus, und die Straße war nicht mehr da. Unter ihren Füßen wuchs Gras, saftig und tiefgrün, und vor ihr breitete sich eine Landschaft aus, so weit, dass sie ihr Ende nicht sah. Sanfte Hügel, ein Himmel ohne Grenzen, ein Licht, das von überall zugleich zu kommen schien. Sie spürte die Weite in ihrer Brust, als würden sich alle Wände in ihr auflösen.
Die Luftballons zogen voran. Hannah folgte ihnen, barfuß, ohne Eile, jedem Impuls, den sie in sich spürte: ein Schritt nach links, ein Bogen um den Hügel, ein Innehalten, ein Weitergehen. Schließlich kam sie an eine Quelle.
Sie sprudelte klar aus einem Stein, sammelte sich in einem kleinen runden Becken, und das Wasser leuchtete, als wäre Licht darin gelöst. Die Ballons ließen sich im Kreis um die Quelle nieder, einer nach dem anderen, und wurden still.
Hannah setzte sich ins Gras, direkt vor das Wasser. Sie atmete tief ein. Hier war es ruhig, ohne dass Stille nötig gewesen wäre, hier war ein Frieden, der sich nicht anstrengen musste.
Und sie blickte in die Zukunft.
Es war kein Bild, eher ein Gefühl: Sie sah Möglichkeiten wie Lichter am Horizont, viele, hell, nah. Sie fühlte, wie vieles werden konnte, wenn sie nur von diesem Platz aus anfing.
In ihrer Hand lag plötzlich ein kleiner glatter Stein. Sie ließ ihn ins Wasser fallen.
Plopp.
Ein Kreis breitete sich aus, dann ein zweiter, ein dritter, immer weiter, immer größer, bis die Wellen den Rand des Beckens erreichten und darüber hinaus ins Gras zu wandern schienen, in die Hügel, in den Himmel.
Da verstand Hannah es. So ist es mit dem Kreieren, dachte sie. Alles, was sie erschuf, würde hier beginnen, an der Quelle, an diesem Ursprung, und sich von hier aus wie Wellen in die Welt ausbreiten. Wenn sie aus Leichtigkeit schuf, trugen die Wellen Leichtigkeit hinaus. Wenn sie aus Freude schuf, trugen sie Freude. Der Ursprung selbst war frei von Mühe, und was aus ihm kam, durfte es auch sein.
Sie lächelte und legte die Hand aufs Herz. Dort spürte sie es: einen Faden, zart und golden, wie eine Nabelschnur, die von ihrer Brust durch die Luft, über Hügel und Himmel bis zur Quelle reichte, bis zu allem, woher sie kam. Er war nie gerissen. Er hatte sie getragen, an jedem Tag ihres Lebens, auch an denen, an denen sie ihn vergessen hatte.
Ich bin immer verbunden, flüsterte sie.
Da begann es zu regnen. Aber es war kein Regen aus Wasser. Goldene Tropfen fielen auf sie herab, leicht wie Staub, warm auf der Haut, und lösten alles Schwere in ihr. Hinter dem Gold kam ein Farbregen, in Rot, Blau, Grün, Violett, Orange, und die Farben fielen nicht, sie stürzten sich in sie hinein, schneller als jeder Gedanke, in Lichtgeschwindigkeit.
Und mit den Farben reiste Hannah zurück. Zurück durch den vergangenen Morgen, durch das Fenster, durch die Tage und Jahre, durch jeden kleinsten Moment ihres Lebens bis zu dem Augenblick, in dem alles angefangen hatte. Sie sah das Kind, das sie gewesen war, mit Händen voller Sand, und der goldene Faden verband sie auch mit ihm. In keinem Moment war sie allein gewesen. In jedem hatte die Verbindung sie getragen.
Als der Regen verklang, saß sie wieder vor der Quelle. Der Stein ruhte auf dem Grund, die Wellen waren still geworden, und die Luftballons erhoben sich, einer nach dem anderen, sanft in den Himmel.
Hannah stand auf. Sie fühlte sich leicht wie ein Ballon, der weiß, dass er nicht davonfliegt, weil er gehalten wird, und der gerade deshalb höher steigen darf.
Sie nahm einen tiefen Atemzug und ging den Hügel hinunter, dem Leben entgegen, das sie von hier aus schaffen würde.
Und in ihrem Herzen, kaum spürbar und doch unübersehbar, glomm der goldene Faden und trug sie.